JSK - Collection & H.G.Winkler Art Collection

Die Himmelsscheibe von Nebra (1.600 v. Chr.)


Die Bronzescheibe mit Goldauflagen wurde erst vor wenigen Jahren bei Nebra (Sachsen-Anhalt, Deutschland) gefunden und zeigt die älteste konkrete kosmologische Darstellung der Menschheitsgeschichte. Sie erlaubt einen tiefen Einblick in die astronomischen Kenntnisse des bronzezeitlichen Menschen und ist damit ein Schlüsselfund für die europäische Vorgeschichte, die Astronomiegeschichte  und die frühe Religionsgeschichte.

Die Darstellungen auf der Bronzescheibe setzen generationenlange Beobachtungen des Sternenhimmels voraus. Außerdem deuten die Scheibe wie auch die Beifunde weiträumige Kontakte bis in den östlichen Mittelmeerbereich an, wodurch sie der Forschung wesentliche und neue Impulse geben.

Fundgeschichte

Mit einer Metallsonde ausgerüstet, bargen Raubgräber 1999 illegal eine
große Bronzescheibe sowie weitere Bronzegegenstände aus dem Bereich
einer vorgeschichtlichen Ringwallanlage auf dem Mittelberg bei Nebra
(Sachsen-Anhalt). Anfang 2oo2 konnte die Polizei den Fundkomplex bei einem fingierten Kauftreffen sicherstellen und dem zuständigen Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle übergeben.

Die Ermittlung der Täter brachte schließlich auch die entscheidenden Hinweise auf die genaue Fundstelle des Fundes, die durch einen Vergleich der Bodenproben auf den Funden mit Bodenproben vom Mittelberg sowie durch eine offizielle Nachgrabung bestätigt werden konnte.

Fundort

Der die Unstrutaue überragende Mittelberg trägt auf seiner Kuppe eine vorgeschichtliche, kreisförmige Wall-Graben-Anlage mit ca. 16om Durchmesser, deren fortifikatorische Funktion allerdings angezweifelt werden darf. Am Tag der Sommersonnenwende (21. Juni) ging die Sonne über dem 8okm entfernten Brocken, dem markantesten Berg des Harzes, unter. Zum Brocken bestand bei klarem Wetter ebenso Sichtverbindung wie zum Kulpenberg, dem Hauptberg des Kyffhäusers. Hinter ihm ging die Sonne am ersten Mai unter.

In einer Nachgrabung des Landesamtes für Archäologie konnte die steinumstellte Grube identifiziert werden, in der die Bronzescheibe deponiert worden war. Zusammen mit ihr hatte man zwei kostbare Bronzeschwerter, zwei Bronzebeile, einen Bronzemeißel und zwei Armspiralen niedergelegt. Vermutlich handelte es sich bei dem Fundkomplex um ein Depot an einem sakralen Platz, der als Observatorium diente.

Kurzbeschreibung und Interpretation

Die 31–32cm große und ca. 2,1kg schwere Himmelsscheibe von Nebra
besteht aus Bronze mit Goldauflagen. Der an einer Stelle deformierte Rand sowie das herausgerissene Stück der runden Goldblechauflage sind
Beschädigungen, die erst bei der unsachgemäßen Bergung durch die Schatzräuber entstanden. 32 kleine Goldplättchen sind als Sterne zu interpretieren. Eine Gruppe aus sieben Sternen stellt dabei mit allergrößter Wahrscheinlichkeit das Siebengestirn (Plejaden) dar. Dieses Sternbild spielte in der Vorzeit eine wichtige Rolle bei der Bestimmung des Zeitpunktes für Aussaat und Ernte. Auch die »Sonne« und die »Mondsichel« stellen astronomische Objekte dar, sind aber nicht mit Sicherheit zu identifizieren. Die »Sonne« könnte auch den Mond bedeuten, die »Mondsichel« eine partielle Mond- oder Sonnenfinsternis. Seitlich sind zwei goldene Randbögen dargestellt, die als westliche und östliche Horizontbögen aufgefasst werden, die die Sonnenauf- und Sonnenuntergangspunkte im Jahreslauf darstellen. Deren Winkel von etwa 82° entspricht dem Sonnenlauf für die frühe Bronzezeit auf der geographischen Breite Sachsen-Anhalts. Die gefiederte sichelförmige
Figur kann als mythische Sonnenbarke, die zwischen Sonnenaufgang und
Sonnenuntergang hin- und herfährt, gesehen werden. Bei der Fiederung handelt es sich höchstwahrscheinlich um die Darstellung von Rudern. Die nächtliche Schifffahrt der Sonne über den Himmelsozean (als Rückweg
zum täglichen Sonnenaufgang) ist eines der zentralen Motive der altägyptischen Religion. Sonnen-, Mond- und Sternsymbole, v.a. aber die charakteristische Darstellung der Plejaden wie auf der Himmelsscheibe von Nebra, sind aus den bronzezeitlichen Hochkulturen des Vorderen Orients wohlbekannt.
 

Kannte man bislang lediglich vereinzelte Funde wie Waffen oder Schmuck, die sich als typische Produkte des östlichen Mittelmeerraumes zu erkennen gaben und damit Fernbeziehungen zwischen dieser Region und dem früh- und mittelbronzezeitlichen Mittel- und Nordeuropa belegten, so dürfte der Fund der Himmelsscheibe von Nebra der bislang deutlichste Hinweis darauf sein, dass nicht nur Waren, sondern auch geistige Konzepte und religiöse Vorstellungen aus dem Vorderen Orient und Ägypten bis nach Mitteleuropa gelangten.

Echtheitsnachweis

Da der Fund von Nebra unter dubiosen Umständen von Schatzgräbern geborgen und illegal verkauft wurde, die Himmelsscheibe zudem einzigartig und äußerst ungewöhnlich ist, wurde der Fundkomplex sofort nach der Sicherstellung mit modernsten wissenschaftlichen Verfahren auf seine Echtheit überprüft. Über Messungen der Radioaktivität (Pb-21o), die charakteristische Größe, Struktur und Farbe der grünen Korrosionsprodukte (Malachitkristalle), aufgelagerte Kupferverbindungen auf den Goldblechen sowie die komplexe und typische Zusammensetzung der Bronze- und Goldlegierungen konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass es sich bei der Himmelsscheibe von Nebra um keine Fälschung handelt.